Enthaarungsaustausch
Narren tauchen auf und unter, verrutschte Philosophen, Stotterer, gemütliche Giftler, Spinner (alle Variationen, vom Harmlosen Spassvogel zum pathologischen Extremfall), Spezialisten für apokalyptische Visionen, Lebensverschwender mit dem Ehrgeiz es ungenutzt verstreichen zu lassen, Verirrte auf der Suche nach ihrem Niemandsland (…) aus “Mozarts Friseur”, Wolf Wondratschek
Ein Tag im Salon R.
November 7, 2009
Sie reden darüber wie das Wetter ist. Es ist sehr kalt, vielleicht wird es bald wärmer. Mitten im Satz unterbricht er oft, um lächelnd einem Bekannten aus dem Fenster zu winken. R. redet weiter, strahlend, wie ein Gott in weiß, während die Schere ungestüm durch das graue Haar des Kunden taucht. Sie klappert wie die spitzen Zähne eines kleinen Hundes und jagt mir einen kurzen Schauer über den Rücken. Während dem schneiden redet er viel, nur manchmal setzt er die Schere ab, wenn er sich in ein Thema hineinsteigert. Wie jetzt zum Beispiel, als sie beginnen, sich über die bakterienartige Ausbreitung von Supermärkten zu unterhalten und traurig feststellen, dass die kleinen Läden wie seltene Blumen vom Aussterben bedroht sind.
Ich sitze auf dem letzten roten Stuhl ganz rechts, gleich neben der Tür. Ein angenehm summendes Geräusch reisst mich aus meiner Gedankenwelt über seltene langsam vertrocknende Blumen. Ein Rasierapparat. Angenehmes Geräusch. Er stutzt das Nackenhaar des Kunden, der gleichgültig sein Spiegelbild betrachtet.
Im Salon R. stehen drei Sessel. Bis jetzt war jeder Kunde auf dem Mittleren gesessen und ich frage mich und später R. warum das so ist. Er erklärt mir mit ernster Miene, dass die Besetzung des Stuhls jahreszeitenabhängig sei. Im Sommer säße man vorwiegend an der Tür, im Winter weiter weg, weil es zieht. Für die Übergangsjahreszeit wäre dann wohl der mittlere Stuhl passend, schlussfolgere ich schnell. Er nickt und lacht. Ich nehme an, das mit dem Winterstuhl stimmt.
Die Pinsel vor einem Stück befliester Wand und die Postkarte in türkisblauer Palmenlandschaft darüber, ergeben eine eigenwillige Komposition. Es besteht eine seltsame Parallele zwischen dem glänzenden Honiggelb des Pinselknaufs mit den elfenbeinweißen Haaren darüber und dem glänzenden rosa Gesicht des Kunden an dem schütteres silbriges Haar klebt. Wenn der Friseur nach vollendetem Schnitt das weiße Tuch von den Schultern des Kunden nimmt und es durch ein türkises ersetzt, fügt es sich zu meiner Bewunderung in das Farbspiel ein, bildet sozusgen die Spitze des Haarbergs. Jetzt wird nur noch gesprüht und getätschelt. Der Geruch nach penetrantem Haarwasser erfüllt egoistisch den ganzen Raum und benebelt meine Sinne.